Als Angehöriger bei Depression gut unterstützen
- Anna Lucia Kaiser

- 24. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Dein Mann, dein Sohn, deine Tochter, deine Partnerin - jemand aus deinem nahen Umfeld ist depressiv erkrankt und du fragst dich, wie du gut unterstützen kannst? Hier findest du zwei zentrale Strategien.
Aus meiner Erfahrung als Psychotherapeutin, aber auch als Angehörige eines ehemals schwer Betroffenen, weiß ich wie hilflos einen diese Erkrankung machen kann. Du siehst, wie ein Mensch leidet, den du sehr gern hast. Typischerweise bleibt es als Angehöriger dabei - man ist dazu verdammt, zuzuschauen, fühlt sich abgeschnitten von einem lieben Menschen und spürt vielleicht genau, dass dieser Mensch gerade sehr hart zu sich selbst ist.
Die Versuchung ist an dieser Stelle groß, „sanften“ Druck aufzubauen. Ich habe selbst erlebt, wie der starke Wunsch, dass es meinem Liebsten wieder besser gehen möge, dazu geführt hat, dass ich Ratschläge verteilt habe und ungeduldig wurde. Dadurch wurde es nicht besser.
Leider ist es Teil der Depression, dass genau diese unangenehme Dynamik sich zwischen Menschen abspielt. Genau genommen ist sie sogar das Spiegelbild davon, was sich auch im Inneren eines depressiv erkrankten Menschen abspielt. Sich selbst Druck machen, sich selber nicht verstehen, warum man nicht anders handelt, sich wahnsinnig über sich selber ärgern - all dass ist typisch bei Depression. Als Angehöriger willst du nicht auch noch in diese Kerbe hauen.
Das, was wirklich hilft, teile ich hier.
Schau, dass du deinem Angehörigen immer wieder echten Beistand leisten kannst. Damit meine ich regelmäßig ermutigende Worte wie:
„Ich bin bei dir, ich hab dich lieb. Es ist eine Krankheit.“
Vielleicht hört sich das platt oder einfach für dich an, aber auf diese Weise zeigst du die liebevolle Haltung, die der Betroffene sich selbst gegenüber oft schon verloren hat. Diese akzeptierende Haltung ist das, was Betroffene regelmäßig brauchen. Du kannst dafür deinen eigenen Ausdruck finden mit einer Umarmung oder einem ernst gemeinten Satz wie: „Es ist ok, wenn es gerade nicht geht.“
Wenn es dir leicht fällt, diese Dinge im Alltag zu sagen und zu vermitteln - toll, das ist von unschätzbarem Wert für deinen Angehörigen! Leider wird es wahrscheinlich auch Tage geben, an denen es dir schwer fällt, diese ermutigenden Worte zu finden. Das ist häufig ein Zeichen dafür, dass du Zeit für dich brauchst und einen Moment, um selbst Kraft zu tanken.
Strategie Nummer Zwei kann euch weiterhelfen, auch wenn gerade nicht viel gesprochen wird. Genau das ist leider in vielen Familien eine Entwicklung - je stärker die Symptome des depressiv erkrankten Menschen, desto weniger wird gesprochen. Die angespannte Stille eines Raums, einer Beziehung, ist für alle Beteiligten unangenehm. Daher kann es sich entlastend anfühlen, den Blick auf praktische Dinge zu lenken, die euch gut tun.

Ohne viele Worte kannst du den ersten Kaffee kochen, wenn dein Angehöriger sich vorgenommen hat, gleich morgens nach dem Aufstehen eine Runde Spazieren zu gehen. Du kannst dafür sorgen, dass das Abendessen pünktlich startet, damit dein Angehöriger zu seinem neuen Hobby ohne Zeitstress aufbrechen kann.
Du kannst Zeit für deinen Angehörigen „freihalten“. Vielen Menschen mit Depression fällt es schwer auch mal „nein“ zu sagen: Überstunden, volle Terminkalender und mentaler Ballast sind die Auswirkungen. Vielleicht kannst du etwas dafür tun, dass die Verantwortlichkeiten deines Angehörigen z.B. für Kinder, Haustiere, Kunden, Ehrenamt, o.ä. für ein paar Stunden anderweitig abgedeckt sind.
Was ausdrücklich nicht gemeint ist - das Leben des anderen organisieren, sein Sprachrohr werden oder alles Abnehmen, was an Anforderungen an deinen Angehörigen herangetragen wird. Jemanden liebevoll zu unterstützen, weil er oder sie krankheitsbedingt mit Einschränkungen zu kämpfen hat, ist eine Kraftanstrengung. Du darfst bei allem schauen, dass du kraftvoll und gelassen langfristig an der Seite deines Angehörigen sein kannst. Wenn du deine eigene Grenze gut spüren kannst, hilft dir das dabei, das richtige Maß an Unterstützung für deinen Angehörigen zu finden.
Diese beiden Strategien - echte Ermutigung und praktisch orientierte Begleitung - können euren Umgang miteinander grundlegend verändern. Sie haben sogar das Potential, langfristig deinen Angehörigen so zu stärken, dass er sich nach und nach leichter aus der Erkrankung befreien kann. Es lohnt sich also, nach Gelegenheiten Ausschau zu halten, in denen du ermutigen und praktisch unterstützen kannst.
Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen hierzu. Bleib weiter dran für die nächsten Blogbeiträge.
Herzliche Grüße,
Anna

Kommentare